Warum die KI uns den Spiegel vorhält (und was wir darin sehen sollten)
Neulich beim abendlichen Doomscrolling auf Instagram, diesem digitalen Fegefeuer der Prokrastination, blieb ich an einem Video hängen. Eine Autorin, sympathisch, leicht verzweifelt, schaute in die Kamera. Sie sei, so erklärte sie, eine strikte Gegnerin von KI im kreativen Prozess. Aber nach dem ehrenwerten Motto »Kenne deine Feinde« habe sie dann doch mal mit ChatGPT experimentiert. Sie gab dem Chatbot ein paar Stichworte, eine grobe Idee für eine Geschichte, wie sie sie selbst schreiben würde.
Was dann passierte, war der Grund für ihre Bestürzung. Mit erschreckender Präzision und in wenigen Sekunden spuckte die KI einen kompletten, detaillierten Plot aus. Mit Wendepunkten, Charakterbögen und allem Drum und Dran. Einen Plot, so die Autorin, den sie exakt so hätte schreiben können. Ihre Schlussfolgerung im Video war: »Seht ihr? Die KI ist inzwischen so gut! Sie kann uns ersetzen!«
Ich habe genickt, mitgelitten – und dann innegehalten. Denn mir kam ein Gedanke, ein furchtbar unbequemer Gedanke, den sie im Video nicht aussprach: Was, wenn das Problem nicht ist, dass die KI »so gut« ist? Was, wenn das eigentliche Problem ist, dass wir oft so formelhaft schreiben, dass wir es einer Mustererkennungs-Maschine erschreckend einfach machen, uns zu imitieren?
Das ist der Spiegel, den die KI uns vorhält. Und wenn wir ehrlich sind, ist das Bild darin nicht immer schmeichelhaft. Willkommen zur Diagnose. Unser Motto heute: »Kenne deinen Feind … und erkenne dich selbst.«
Die nächtliche Beichte eines E-Readers
Ich fange mal mit einer persönlichen Beichte an. Letzte Woche lag ich im Bett, der E-Reader in der Hand, das Gewissen schwer. Auf dem Gerät befanden sich zwei Bücher, auf die ich mich wochenlang gefreut hatte: hochgelobte, preisgekrönte, literarisch anspruchsvolle Werke. Echte Feinkost. Ich las ein paar Seiten eines dieser Bücher, genoss die Sprache, die komplexen Sätze, das Gefühl, meinen intellektuellen Horizont zu erweitern. Und dann? Dann schloss ich das Buch. Und öffnete einen Sammelband mit Jack-Reacher-Krimis. Bumm. Zack. Problem gelöst. Held gewinnt. Hirn aus.
Mein innerer Literaturkritiker zischte mir »Banause!« zu, aber mein müdes Affenhirn seufzte erleichtert auf. Es ist die pure Psychologie des Komforts. Unser Gehirn ist von Natur aus faul. Es liebt bekannte Muster, weil es dann weniger Energie für den Verstehensprozess aufwenden muss. Eine Geschichte, die nach einem vertrauten Schema abläuft, ist eine Art kognitives Geländer. Man muss nicht jede Abzweigung neu deuten, man weiß, wo die Treppe hinführt. Es ist das literarische Schnitzel mit Pommes – nicht die aufregendste Mahlzeit, aber sie macht verlässlich satt und glücklich. Deshalb lieben wir Buchreihen mit Suchtfaktor und Geschichten, deren Tropen wir schon aus zwanzig anderen Büchern kennen. Und das ist, seien wir ehrlich, völlig okay.
Vom Genre zum Mainstream: Das Gourmet-Schnitzel der Hochliteratur
Jetzt wäre es einfach, mit dem Finger auf die Romance-Ecke, die Krimi-Abteilung oder das Fantasy-Regal zu zeigen. »Die da mit ihren ewigen ›Enemies to Lovers‹-Plots! Die sind schuld!« Aber das wäre zu kurz gegriffen. Denn dieser Hang zur Sicherheit der Formel ist längst im literarischen Mainstream angekommen.
Der Literaturwissenschaftler Moritz Baßler hat dafür einen wunderbaren Begriff geprägt: den »Populären Realismus«. Er beschreibt damit eine weitverbreitete Erzählweise in der Gegenwartsliteratur, die zwar große, gesellschaftlich relevante Themen verhandelt und sich den Anstrich hoher Kunst gibt, im Kern aber auf leichte Zugänglichkeit und schnelle Konsumierbarkeit ausgelegt ist. Sprachliche Experimente? Formale Wagnisse? Fehlanzeige. Man will den Lesenden nicht mit Widerhaken im Text überfordern.
Es ist eine Art Formel für Anspruchsvolle. Das Gourmet-Schnitzel, wenn man so will. Es kommt mit einem hübschen Salatbouquet und einem Klecks Preiselbeerschaum daher, aber am Ende des Tages bleibt es ein Schnitzel. Wiedererkennbar, sicher, marktkonform.
Die Formel ist menschlich, allzu menschlich
Und da schließt sich der Kreis zu unserer Autorin auf Instagram. Wir alle – Leser, Autoren und ja, auch die Verlage, die in einem wirtschaftlich angespannten Umfeld Risiken scheuen müssen – wir alle lieben die Sicherheit der Formel. Sie ist eine Garantie. Eine Garantie für den Leser auf ein erwartbares Leseerlebnis und eine Garantie für den Verlag auf kalkulierbare Verkaufszahlen.
Das ist keine böse Verschwörung gegen die Kunst, es ist eine zutiefst menschliche und ökonomische Logik.
Doch diese Logik hat den perfekten Nährboden für eine Technologie geschaffen, die nichts anderes tut, als Muster zu erkennen und zu reproduzieren. Eine Technologie, die darauf trainiert ist, das wahrscheinlichste nächste Wort, den wahrscheinlichsten nächsten Plot-Point zu finden. Eine Technologie, die das Schnitzel-Rezept perfektioniert hat.
Die Frage ist also nicht ob die KI uns ersetzen kann. Die Frage ist, in welchen Bereichen wir es ihr so verdammt einfach machen. Und was passiert, wenn eine Maschine, die nichts anderes kann als Formeln in Schallgeschwindigkeit zu produzieren, auf einen Markt trifft, der vor allem nach Formeln verlangt?
Warum der deutsche Buchmarkt oft Gulasch bestellt
Aber mal ehrlich: Wärt ihr begeistert, wenn euer Lieblingsrestaurant plötzlich nur noch Schnitzel auf der Karte hätte? Morgens, mittags, abends? Wahrscheinlich nicht. Ein bisschen Abwechslung darf es dann doch sein. Wenn man sich auf dem deutschen Buchmarkt umschaut, kann man sich des Gefühls aber oft nicht erwehren: Hier wird sehr viel Gulasch gekocht. Sehr gutes, bewährtes Gulasch vielleicht, aber eben doch oft Gulasch.
Die Frage ist: Warum ist das so? Warum diese gefühlte »Mutlosigkeit«, dieser Mangel an Experimenten, der von vielen Kritikern beklagt wird?
Ein Blick in die Küche: Warum der Koch auf Nummer sicher geht
Stellen wir uns den Buchmarkt für einen Moment als Restaurantbetrieb vor. Die Verlage sind die Köche, und die stehen unter einem enormen Druck. Die Miete für die Küche (Druckkosten, Papier, Energie) steigt, während immer weniger Gäste kommen (die Zahl der Buchkäufer sinkt). Was macht ein Koch in dieser Situation? Er setzt auf das Gericht, von dem er weiß, dass es sich verkauft. Er kocht Gulasch.
Diese Risikovermeidung lässt sich mit Zahlen belegen. Die Anzahl der Neuerscheinungen, also der neuen Gerichte auf der Speisekarte, ist in den letzten Jahren dramatisch gesunken. Waren es 2015 noch über 76.000 Erstauflagen, zählte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels für 2024 nur noch rund 58.000. Das ist die datengestützte Manifestation dieser »Mutlosigkeit«. Man investiert lieber in die Fortsetzung einer erfolgreichen Krimireihe als in ein sprachliches Experiment mit ungewissem Ausgang.
Alles nur nachgekocht? Ein kleiner Gruß aus dem 19. Jahrhundert
Bevor wir jetzt aber in das allgemeine Wehklagen über den Verfall der Sitten einstimmen: Diese Situation ist nicht neu. Ein kurzer Blick in die Literaturgeschichte wirkt da oft Wunder. Im 19. Jahrhundert, nach dem Tod der Über-Köche Goethe und Schiller, fühlte sich eine ganze Generation von Schriftstellern als bloße »Epigonen« – als »Nachgeborene«, die im übermächtigen Schatten der Meister nur noch deren Rezepte nachkochen konnten.
Sich damals klein fühlen im Angesicht von Goethes »Wilhelm Meister«? Fühlt sich heute wahrscheinlich ähnlich an wie der Versuch, nach »Harry Potter« noch eine Geschichte über ein Zauberer-Internat zu schreiben. Phasen der Verunsicherung und der Nachahmung gab es schon immer, oft in Zeiten großer gesellschaftlicher Umbrüche. Damals die Industrialisierung, heute die Digitalisierung. In solchen Zeiten klammert man sich an das, was Halt und Orientierung verspricht – seien es die Weimarer Klassiker oder eben die »Enemies to Lovers«-Formel.
Raus aus der Gulaschkanone: Warum Fusionsküche die Zukunft ist
Okay, die Lage ist also verständlich, aber nicht gerade inspirierend. Was tun? Vielleicht den Blick mal über den Tellerrand heben. Während wir hier das Gulasch perfektionieren, wird anderswo längst die Fusionsküche erfunden. In den letzten Jahren habe ich die wirklich aufregenden, unvergesslichen Leseerlebnisse fast ausnahmslos auf dem britischen und amerikanischen Markt gefunden. Und auffallend oft stammten diese Bücher von Autor:innen aus marginalisierten Gruppen.
Meine These dazu: Diese Stimmen sind nicht originell, obwohl sie eine andere Perspektive haben, sondern weil sie sie haben. Ihre einzigartige Sicht auf die Gesellschaft, ihre spezifischen Lebenserfahrungen passen schlicht nicht in die alten, abgenutzten Schablonen. Sie können kein Standard-Gulasch kochen, weil ihre Zutaten ganz andere sind. Ihre Perspektive erzwingt eine neue Form, eine neue Sprache, eine neue Art des Erzählens.
Und genau hier liegt die riesige Chance für uns alle. Du musst nicht zwangsläufig einer marginalisierten Gruppe angehören, um eine einzigartige Perspektive zu haben. Wir alle haben sie. Es geht darum, deine persönliche »Fusion« zu finden. Was passiert, wenn der Ex-Banker eine Fantasy-Welt entwirft, die auf knallharten ökonomischen Prinzipien beruht? Was passiert, wenn die pensionierte Kleingärtnerin einen Krimi aus der Perspektive ihrer preisgekrönten Giftpflanzen schreibt?
Wenn du deine ureigene, unverwechselbare Sicht auf die Welt in den Mittelpunkt stellst, fällst du automatisch aus der Formel. Du schaffst etwas, das nicht einfach nachgekocht werden kann.
Originalität kommt also nicht aus dem luftleeren Raum, sie wächst aus deiner Perspektive. Aber wie verwandeln wir diese Perspektive in eine unnachahmliche, »un-KI-bare« Stimme?
Deine Doppelstrategie gegen den Content-Brei
Es ist Zeit für den Werkzeugkasten. Vergessen wir die Angst vor der Maschine für einen Moment und konzentrieren wir uns auf unsere menschlichen Superkräfte. Hier ist deine Doppelstrategie, um im algorithmischen Zeitalter nicht nur zu überleben, sondern aufzublühen. Unser Motto: »Werde so sehr du selbst, dass jede KI-Kopie nach altem Roboteröl schmeckt.«
Strategie 1: Der Autor als Auteur – Finde deine unnachahmliche Stimme
Die KI kann Stile imitieren. Sie kann einen Text »im Stil von Hemingway« schreiben, der oberflächlich betrachtet auch so klingt. Was sie aber nicht hat, ist eine echte Stimme.
Eine literarische Stimme ist mehr als nur Wortwahl und Satzbau. Sie ist der hörbare Ausdruck deiner Persönlichkeit auf dem Papier. Es ist dein Humor, dein Rhythmus, deine Weltsicht, die Art, wie dein Erzähler die Dinge wahrnimmt und filtert. Sie ist der Grund, warum wir ein Buch von Terry Pratchett nach zwei Sätzen erkennen, selbst wenn es um Quantenphysik ginge. Eine starke Stimme ist der ultimative Schutz gegen maschinelle Reproduktion.
Dein Action-Tipp: Spiel mit den Tropen, dann zerbrich sie!
Formeln und Tropen sind nicht dein Feind, sie sind dein Spielplatz. Nimm eine bekannte Konvention, die deine Leser:innen erwarten, und biege sie an einer entscheidenden Stelle ab.
Schreib eine »Enemies to Lovers«-Geschichte, in der die beiden am Ende merken, dass sie als Feinde eigentlich viel glücklicher waren und eine wunderbar produktive Rivalität beginnen. Schreib einen Krimi, bei dem der Mörder am Ende nicht gefasst wird, aber dem Kommissar einen langen Brief schreibt, warum seine Tat die Welt zu einem besseren Ort gemacht hat. Nutze die Formel als Sprungbrett, um an einem unerwarteten Ort zu landen. Dieser Bruch mit der Erwartung, diese Überraschung – das ist deine menschliche Handschrift.
Strategie 2: Der Autor als Marke – Schmiede eine menschliche Verbindung
In einer Zukunft, die von einer Flut KI-generierter, gesichtsloser Texte überschwemmt werden könnte, wird eine Frage immer wichtiger: Wer erzählt diese Geschichte? Eine KI hat keine Geschichte, keine Leidenschaft, kein »Warum«. Du schon. Und genau das ist dein zweites Ass im Ärmel.
Es geht nicht darum, zum aalglatten Influencer zu werden. Es geht darum, eine authentische Autorenmarke aufzubauen und eine direkte Verbindung zu deiner Leserschaft herzustellen. Menschen verbinden sich mit Menschen. Sie kaufen das nächste Buch nicht nur, weil der Plot spannend klingt, sondern weil es dein Buch ist. Weil sie dir vertrauen, deine Faszination teilen und Teil deiner Reise sein wollen. Diese parasoziale Beziehung kann eine gesichtslose KI niemals herstellen.
Dein Action-Tipp: Teile deine Faszination, nicht nur dein Produkt!
Sprich nicht nur über dein Buch, sprich darüber, warum du es schreiben musstest. Zeig den Leuten dein Chaos-Schreibtisch, erzähle von der einen schrägen historischen Tatsache, die du für Kapitel 3 recherchiert hast und die dich nächtelang nicht schlafen ließ. Teile die Musik, die du beim Schreiben hörst. Baue eine kleine Community um deine Leidenschaft herum. Sei nahbar, sei menschlich, sei die Person hinter den Geschichten.
Dein Herz schlägt, der Algorithmus nicht
Diese beiden Strategien – die künstlerische Stimme und die menschliche Marke – sind keine Gegensätze. Sie sind eine Symbiose. Die originellste Stimme verhallt ungehört, wenn niemand von ihr weiß. Und die professionellste Marke wirkt auf Dauer hohl, wenn sie keine substanziellen, einzigartigen Werke hervorbringt.
Die Ära der KI ist keine Bedrohung, sie ist eine Klärung. Sie ist eine Einladung, das Mittelmaß abzuschütteln und uns auf das zu besinnen, was uns von der Maschine unterscheidet. Die KI kann Muster erkennen, du kannst Muster brechen. Die KI kann Content produzieren, du kannst Kunst schaffen.
Das Herz des Algorithmus schlägt nicht. Deins schon.
Also schreib verdammt noch mal auch so.








